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Wer wird der neue Präsident Nigerias, Bola Tinubu?


Korrupter Mafiaboss oder kompetenter Macher? Nigerias neuer Präsident Bola Tinubu ist ein Mann mit mehreren Gesichtern

VIDEO: Nigeria: Kandidat der Regierungspartei, Bola Tinubu, gewinnt Präsidentschaftswahl
ZEIT ONLINE

Im fortgeschrittenen Alter ist der mächtigste Politiker Nigerias zum Präsidenten gewählt worden. Doch seine dunkle Seite war stets sichtbar.

Sie nennen ihn «den Paten»: Bola Tinubu.

Vom Mann, der wahrscheinlich bald Präsident von 220 Millionen Nigerianerinnen und Nigerianern sein wird und damit eines der schwierigsten politischen Ämter weltweit übernimmt, gibt es zwei Erzählungen: Die eine handelt von einem erfolgreichen Geschäftsmann, der zum Demokratieaktivisten und später zum politischen Macher wird, der als Gouverneur eine der chaotischsten Metropolen der Welt rettet. Die andere handelt von einem Mann, der seine Biografie zusammenfabuliert, der Geld im Heroinhandel verdient und später zum hoch korrupten Politiker wird, der besser als jeder andere Nigerias Politoligarchie verkörpert.

Bola Tinubus Spitzname ist «der Pate». Es ist unklar, ob damit ein gütiger Förderer gemeint ist oder ein Mafiaboss. Vermutlich beides.

Am Mittwoch hat Nigerias Wahlbehörde Tinubu zum Sieger der am heftigsten umkämpften Präsidentschaftswahl erklärt, die es in Nigeria seit der Rückkehr zur Demokratie 1999 gegeben hat. Tinubu siegte mit 36,6 Prozent der Stimmen, seine nächsten Verfolger Atiku Abubakar und Peter Obi erhielten 29,1 Prozent und 25,4 Prozent.

Bola Tinubu gewinnt Präsidentschaftswahl in Nigeria

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TVC News Nigeria

Anzahl Stimmen für die jeweiligen Kandidaten

Der Kampf ist noch nicht vorbei. Die beiden Verfolger wollen das Resultat anfechten. Sie werden vor Gericht plausible Argumente haben. An vielen Orten im Land kam es bei der Wahl am vergangenen Samstag zu Vorfällen, die es Wählern erschwerten, ihre Stimme abzugeben. Peter Obi, der Kandidat, der Millionen junge Nigerianer mit dem Versprechen einer weniger korrupten Politik begeistert hatte, sagte am Donnerstag: «Wir haben die Wahl gewonnen, und wir werden es den Nigerianern beweisen.»

Demokratieaktivist und Heroinhändler?

Tinubu gewann in seinem ersten Anlauf als Kandidat, im fortgeschrittenen Alter von 70 Jahren. Wobei sein Alter umstritten ist wie vieles in seiner Biografie. Viele glauben, er sei rund zehn Jahre älter. Als Beleg führen sie seine offensichtliche Gebrechlichkeit und Dokumente mit unterschiedlichen Geburtsdaten an, die im Verlauf von Tinubus Karriere zirkulierten.

Tatsächlich ist aus Tinubus jungen Jahren wenig bekannt. Es heisst, er sei in der Metropole Lagos geboren worden und als Sohn einer einflussreichen Händlerin aufgewachsen. Über seinen Vater ist nichts bekannt. Mitte der 1970er Jahre ging Tinubu in die USA, er studierte in Chicago Rechnungswesen, arbeitete dann für Beratungsunternehmen. 1983 kehrte er nach Nigeria zurück, wo er in der Führungsetage der Ölfirma Mobil Einsitz nahm.

1993 erlangte Tinubu nationale Bekanntheit als Mitglied einer prodemokratischen Koalition, die verhindern wollte, dass das Militär die Präsidentschaftswahl annullierte. Nachdem sich der General Sani Abacha an die Macht geputscht hatte, floh Tinubu ins Exil nach England. Von dort aus führte er seinen Widerstand gegen den Militärdiktator weiter.

Es ist typisch für Tinubus Biografie, dass im selben Jahr, in dem sein politischer Stern aufging, auch seine dunkle Seite zum Vorschein kam: Die amerikanischen Behörden froren 1993 Gelder von Tinubu ein, die angeblich aus dem Heroinhandel stammten. Tinubu bezahlte in einem Vergleich 460 000 Dollar. Schuld gestand er keine ein.

Tinubu reformiert Lagos

Sein Aufstieg zum mächtigsten Politiker Nigerias begann nach dem Tod Abachas 1998. Tinubu, zurück aus dem Exil, wurde zum Gouverneur von Lagos gewählt. Die Metropole, damals schon Heimat von mehr als zehn Millionen Menschen, galt als unregierbarer Morast aus Kriminalität und Armut. Tinubu aber stiess zahlreiche Reformen an, er schuf Trainingsprogramme für jugendliche Arbeitslose und eine Transportbehörde, die den chronisch verstopften Verkehr der Stadt durch eine Schnellbuslinie flüssiger machte. Er lockte ausländische Investoren an und reformierte die Steuererhebung so, dass sich deren Einnahmen am Ende seiner Regierungszeit fast verzehnfacht hatten. Als Tinubu 2007 als Gouverneur abtrat, war das Wirtschaftsvolumen von Lagos grösser als das der meisten afrikanischen Länder.

Auf seinen Leistungsausweis in Lagos stützte sich Tinubu auch jetzt im Präsidentschaftswahlkampf. In Reden und Wahlkampfvideos sagte er: «Ich habe es in Lagos geschafft.» Und nun werde er auf nationaler Ebene dasselbe schaffen: aus dem Chaos ein funktionierendes, prosperierendes Staatsgebilde zu formen.

Nur hatte sich in Lagos auch die andere Seite von Tinubu gezeigt: Er soll an einer privaten Firma beteiligt gewesen sein, die mit dem Eintreiben der Steuern beauftragt wurde – und so vom Erfolg seiner Politik auch persönlich profitiert haben. Es ist nur einer von vielen konkreten Korruptionsvorwürfen, die den schwerreichen Tinubu ständig begleiten.

Nachdem er als Gouverneur abgetreten war, wurde Tinubu zum Strippenzieher der nigerianischen Politik. 2013 schaffte er es, mehrere Oppositionsparteien zum All Progressives Congress (APC) zu vereinen, einer Partei, der es zwei Jahre später gelang, erstmals einen amtierenden Präsidenten zu besiegen. An der Spitze derselben Partei wurde Tinubu nun zum Präsidenten gewählt, in ein Amt, nach dem er schon lange trachtete.

Wahlbeteiligung tief wie nie

Als Prioritäten nennt der künftige Präsident die Sicherheit und die Wirtschaft – es sind die zwei Bereiche, die auch Nigerianern laut Umfragen die grössten Sorgen bereiten. 2022 wurden in Nigeria über 10 000 Personen von Terroristen, Kriminellen oder Sicherheitskräften getötet. Die Inflation lag in den vergangenen Jahren im zweistelligen Bereich, die Arbeitslosigkeit ist konstant hoch, das Durchschnittseinkommen seit 2014 um ein Drittel gesunken.

Tinubu will die Sicherheitslage durch die Schaffung von Anti-Terrorismus-Bataillonen verbessern, die besser ausgebildet und ausgerüstet sind als bestehende Armee- und Polizeieinheiten. Er will die Wirtschaft aus dem Griff des alles dominierenden – aber dysfunktionalen – Ölsektors befreien, etwa indem das nationale Budget nicht mehr nach den erwarteten Öleinnahmen ausgerichtet wird. Tinubu verspricht auch, eine obligatorische Krankenversicherung zu schaffen und die marode Infrastruktur zu erneuern.

Manche Experten trauen Tinubu zu, ein guter Präsident zu werden. Er hat in der Vergangenheit fähige Mitarbeiter rekrutiert, oft Technokraten, und ihnen Freiraum gewährt, um Reformen umzusetzen. Doch zahlreicher sind die Zweifler. Sie verweisen darauf, dass Tinubu nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Im Wahlkampf liess er Mitarbeiter Fragen beantworten, oder er sprach so undeutlich, dass ihn das Publikum nicht verstand. Dazu verkörpert Tinubu auch stärker als jeder andere nigerianische Politiker ein korruptes politisches Establishment, das das Land in die Misere geritten hat, aus dem der neue Präsident es befreien soll.

Tinubus Mandat ist schwach: Knapp neun Millionen Nigerianerinnen und Nigerianer haben ihn gewählt, das ist nicht einmal jeder Zwanzigste. Die Wahlbeteiligung war die tiefste seit 1999: Nur 27 Prozent der 93 Millionen Registrierten gaben ihre Stimme ab. In den vergangenen Tagen werweissten Kommentatoren, wie die tiefe Beteiligung zu erklären sei. Vermutlich war es eine Mischung aus Apathie, schlechter Organisation und Unterdrückung des Wahlprozesses, vor allem in Hochburgen der Opposition.

Die Wahlbeteiligung in Nigeria sinkt auf historischen Tiefstand

VIDEO: President Bola Tinubu Signs Nigeria Data Protection Bill, 2023 Into Law
TVC News Nigeria

Prozentzahl der Registrierten, die tatsächlich wählten

Vieles lief schief am Wahltag: Wählerinnen und Wähler warteten teilweise während Stunden darauf, dass Wahllokale öffneten, an manchen Orten warteten sie vergebens. Bewaffnete drangen in Wahllokale ein, bedrohten Helfer und Wähler oder stahlen Urnen. Das Hochladen der Resultate aus den 177 000 Wahllokalen ging so langsam voran, dass der Verdacht nahelag, Resultattabellen würden vor dem Hochladen retuschiert. Beobachter kritisierten die Wahlbehörde. Der britische Aussenminister James Cleverly rief am Mittwoch dazu auf, die Kritik der Oppositionsparteien am Wahlprozedere sorgfältig zu prüfen.

Die Unterlegenen werfen Bola Tinubu vor, den mächtigen Apparat, der ihm als Kandidat der Regierungspartei zur Verfügung stand, so eingesetzt zu haben, dass nur er selber als Sieger infrage kam. Ob das stimmt, werden die Gerichte prüfen. Vorerst war es wie immer bei Bola Tinubu: In der Stunde des Triumphes war auch die dunkle Seite sichtbar.

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Author: Scott Wood

Last Updated: 1703187721

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